30
Nov
2009

minarett

Ich bin hier fremd. Ob ich seit gestern ein wenig fremder bin, kann ich schlecht sagen. Dafür ist das mit der Minarett-Entscheidung am Ende dann doch zu sehr etwas, das ich aus der alten Heimat kenne. Man kann schlecht den Kopf über die Schweizer schütteln, wenn man selbst Kopftücher politisiert und aus dem Unterricht verbannt. Insofern könnte ich mich makabererweise schon wieder ein Stück heimischer fühlen. Hey, die sind gar nicht so anders hier. Damit bin ich dann hier so fremd wie dort. Was es zu einer persönlichen Sache macht und nicht zu einer kulturellen oder politischen oder weltanschaulichen. Weltanschaulich? Das Wort muss ich glaube ich zurücknehmen - wer sich die Welt anschaut und nicht nur sein kleines Dörfli, der handelt anders. Wer sich die Menschheit anschaut und nicht nur bis zum Nachbarn denkt, der lebt auch anders. Jetzt sitzen sie da, klopfen sich beim Quöllfrisch auf die speckigen Schenkel und feixen sich das Resthirn weg, tatsächlich glaubend, sie hätten eine gar grusige Gefahr von ihrem Land fern gehalten, während in anderen Ländern ebenso beschränkt in die Welt schauende Herren beim Pfefferminztee sitzen, Al Jazeera schauen und sich überlegen, ob es nicht eine gute Idee wäre, ein paar Schweizer Kirchtürme aufs Korn zu nehmen, dafür braucht man nicht mal Flugzeuge, so klein sind die. Nur - während die Mehrheit der muslimischen Welt das, was der islamische Extremismus der Welt antut, für Barbarei hält, hat hier in diesem Land nicht eine Partei etwas entschieden, nicht einmal das Parlament - es war das Volk selbst. Und das ist dann das, was mich letzten Endes eben doch eher fremder sein lässt als vorher. Als Fremder bin ich nicht beteiligt. Nicht an dieser Peinlichkeit - und auch nicht mehr an dem, was diese nicht minder peinliche Guttenberg-Westerwelle-Brüderle-Bande aus der alten Heimat macht. In der gar nicht mehr so neutralen Schweiz kann ich mich von allem distanzieren, was ich widerlich finde. Käme doch nur so etwas wie Erleichterung auf.

30
Aug
2008

senf

Dass die Bratwurst im Sternen Grill die beste der Stadt sein soll, hört man quasi bei Ankunft in Zürich. Willkommen in der Schweiz, die Wurst im Sternen Grill ist sehr zu empfehlen, könnte ich bitte Ihren Pass sehen? Ich gebe zu, die St. Galler ist überaus lecker, aber mal so ganz unter uns, im oberen Wurstsegment noch grosse Unterschiede schmecken zu wollen, halte ich für extrem schwierig.

Da würde es mir durchaus reichen, wenn sie so lecker ist, wie eine gute Bratwurst eben lecker sein kann. Und am Ende ist sie vielleicht dann deswegen die beste Wurst der Stadt, weil es auch einen Unterschied macht, ob ich sie an der Bellevue verspeise oder unter der Hardbrücke. Und weil eben auch sonst das Essen im Vorderen Sternen sehr lecker ist.

Als Ex-Frankfurter lernt man am Sternen Grill auch gleich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Wurstkulturen kennen. In Frankfurts Wurstbude Nr. 1 gibt es zur Mittagszeit vergleichbar lange Schlangen wartender Wurstfreunde, die manchmal durch die halbe Innenstadt pilgern, um sich hinten dran zu stellen. Hingegen würde am Sternen Grill kein Wurstbratchef, so wie am Main, gleichzeitig noch mit Hilfe zotiger Sprüche lauthals den Pausenclown geben.

Mal ganz abgesehen vom Wurstkonzept. In Frankfurt muss es natürlich eine Currywurst sein. Der Stand bietet quasi unendliche Kombinationen aus Geschmacksrichtungen und Schärfegraden, bis hin zu einer Sauce, die derzeit den Schärfeweltrekord hält und vermutlich beim Verzehr eine sofortige Verpuffung des Konsumenten nach sich zieht. Und natürlich kann man auf die Pommes alles drauf packen, was der Kenner begehrt, inklusive der holländischen Maximalvariante Pommes Spezial, bei der die generöse Mayonnaisehaube mit einer satten Portion Zwiebeln gekrönt wird.

Am Sternen Grill wird die Wursttransaktion eher von einer gewissen Übergabeeffizienz geprägt. Kein langes Gewäsch, keine witzigen Sprüchlein, Geld gegen Wurst als schneller Deal. Da heisst es aufpassen. Franken bereithalten, rechtzeitig zügig und präzise bestellen, nachrücken. Die Wurst ist so schnell vom Grill und so flink ins obligatorische Wurstpapier gehüllt, dass man den eigentlichen Vorgang nur beobachten kann, wenn man genau hinschaut. Zack, da liegt die Wurst.

Ohne Schnickschnack, Wechselgeld greifen, Wurst übernehmen, Abgang. Senf und Bürli nicht vergessen. Das Brötchen ist auch nicht so ein klassisches bleiches Teil, wie man es in deutschen Imbissen angeboten bekommt, diese Dinger, die eigentlich nur dafür geschaffen sind, als Wurstbeilage überreicht und dann an Tauben weiterverfüttert zu werden, oder, abseits von Wurstbuden, um mit Nadler Wurstsalat belegt zu werden. Viel dunkler sind sie hier, und von der ganz besonders krustigen Sorte.

Dafür ist die Wurst irgendwie noch ein bisschen bleicher als die klassische deutsche Bratwurst. Und zugegebenermassen auch ein bisschen leckerer. Aber vielleicht genau so lecker wie eine wirklich gute deutsche Wurst, nur eben ein wenig anders. Auch wenn man natürlich leicht argumentieren würde, dass es mit dem Geschmack der Frankfurter Bratwurst nicht so weit her sein kann, wenn man sie mit Saucen beschüttet, die das Schmecken der eigentlichen Wurst nahezu unmöglich machen.

Aber auch der Gedanke wird dann durch eine am Ende überraschende Gemeinsamkeit relativiert. Denn das kleine unscheinbare Papier-Senftöpfchen, das man beim Abrücken von der Grilltheke noch schnell greift, beinhaltet eine Senfvariante, die von einer Schärfe ist, dass es einem bei grosszügiger Dekoration der Wurst mit ebendiesem Senf so dermassen durch die Nase zieht, dass man sich unweigerlich an sein erstes Wasabierlebnis erinnert fühlt.

Das kann man natürlich auch wiederum als Unterschied werten - wo der deutsche Grillmeister die monströsen Schärfegrade laut und grell propagiert, reicht dir der eidgenössische Grillierer eine Wurst und ein wenig Senf und überlässt dich diskret dem deftigen Charme der ansonsten harmlos wirkenden Tunke. Ob das nun raffiniert oder tückisch ist, kann sich dann jeder selbst überlegen.

20
Aug
2008

online

Auch das kam quasi mit Ansage: Das mit der Cablecom könnte schwierig werden. Wurde es auch. Und mein Blog musste drunter leiden. Offline bloggen ist schwierig. Der ganze Vorgang war irgendwie ein wenig komisch. Als erstes kommt ein Brief. Hallo, willkommen, all das tralala, zunächst schicken wir Ihnen mal das Modem, beiliegend finden Sie da auch eine CD, und so weiter. Das ist mal ein echt flaches Modem, wenn es in einen Briefumschlag passt, dachte ich mir. Aber gut, wahrscheinlich sollte das heissen, dass das gute Stück dann noch kommt. Und das Telefon bestimmt gleich mit, hoffentlich.

Drei Tage später ein Zettel, ab zur Post, Kartons abholen. Drei Stück, sollte alles dabei sein. Ich fragte mich zwar, woher die wissen, in welcher der 16 Wohnungen mit meiner Adresse ich zu Hause bin, aber ich bin ja kein Techniker, vielleicht erkennen die das ja. Oh guck mal, da will einer ins Internet, ja ja, das ist der Typ, dem wir die Kisten geschickt haben, lass den mal ruhig rein.

Kisten ausgepackt, alles hübsch verkabelt, guck mal an, so einfach geht das, einfach ein T-Adapter auf den Radioanschluss, und schon funkt es auch im Internet. In Deutschland musste da extra ein Handwerker kommen und nen dritten Anschluss dazubasteln. Super, alles dran, das Wohnzimmer sieht zwar jetzt aus wie ein Technologiepark, aber es gibt Schlimmeres. Rechner angeworfen, nach nem W-LAN geschaut, guck mal da, da ist ein neues, das muss wohl meins sein. Dran gehängt, prima, ich hab ein drahtloses Netz im Wohnzimmer. Das war es dann aber auch. Mein Rechner ist mit sich selbst verbunden, sonst aber mit keinem.

Alle Kabel gecheckt, alles noch mal rein und raus, noch mal ins Installationsheft geschaut, nix falsch gemacht. Also bin ich offline. Telefonieren kann ich natürlich auch nicht. Dumme Sache. Denn als Alternative steht nur mein deutsches Handy zur Verfügung. Damit ist die kostenlose Hotline natürlich alles andere als kostenlos. Aber hilft ja nix. Gewählt, gewartet, rausgeworfen. Gewählt, gewartet, rausgeworfen. Und noch mal und noch mal und dann etwa 100 Minuten später angenommen.

Auf die Uhr geschaut - die Hotline ist noch ne halbe Stunde verfügbar. Das sollte ja reichen. Und Musik spielen sie auch. Reichlich. Zwischenzeitlich bekomme ich Würgereize, als sie die olle Frau Dion mal wieder den Titanicschmalz singen lassen. Ungeduld kommt auf. Und dann eine schlimme Ahnung, was die nächste Handy Rechnung betrifft. Nach einer halben Stunde in der Warteschleife erste Gedanken ans Aufgeben. Aber gerade weil es ja so teuer ist grad, bleib ich dran. Eisern. Auch nachdem die Hotline eigentlich schon Feierabend hat. Neue Befürchtungen tun sich auf. Vielleicht haben die tatsächlich schon Feierabend und lassen mich munter in der Schleife, während sie schon an der Bar sitzen und sich Geschichten von dämlichen Fragen dämlicher User erzählen.

Ich bange und hoffe - und werde erhört. Man ist sehr freundlich, trotz der Ueberstunden. Hm. Kein Signal? Nicht gut. Ziehen Sie doch mal den Netzstecker raus. Und jetzt das Kabel. Jetzt Strom wieder an. Ok, und jetzt auch das Antennenkabel. Hm. Nichts. Ja, da können wir jetzt nichts machen. Prima, so nach 40 Minuten ist das nicht so unbedingt befriedigend. Der Handwerker muss kommen. Man ruft mich an, wegen eines Termins, heisst es. Okay, dann hoffe ich mal weiter.

Tatsächlich. Am nächsten Tag ruft man an. Es ist Donnerstag, und man sagt, es käme jemand am Montag morgen um acht. Hui, nicht schlecht, richtig zeitnah, und so früh ist prima, vor der Arbeit. Ein Happyend naht.

Am Montag verpenne ich grandios. Wache um viertel nach Acht auf und frage mich, ob mich vielleicht das Klingeln des Handwerkers geweckt hat, das ich nur nicht bewusst wahrgenommen habe. Wieder hoffen. So pünktlich kann er gar nicht sein, denke ich. Aber das ist die Schweiz, hier ist man pünktlich, sagt die andere Gehirnhälfte. Aber doch nicht bei dem Verkehr hier in Zürich. Das ist der erste Termin, kommt der nächste Einwand, da sollte man doch halbwegs pünktlich sein können, erst recht wenn man den Züricher Verkehr kennt.

Die Argumentation wird vom Türklingeln beendet, es ist der Handwerker, es war tatsächlich der Verkehr. Kein Thema, ich bin einfach nur froh, dass er da ist und einen überaus kompetenten Eindruck macht. Schraubt gleich los, ich mache vor Freude auch gleich einen Kaffee für ihn.

Ich hätte es mir denken können, der Anschluss ist natürlich antik. Aus einer Zeit vor dem Internet. Bei der Cablecom hofft man einfach auf passende Anschlüsse und schickt einen Handwerker, wenn er eben doch zu alt ist. Also nimmt er das Teil ab und was schraubt er drauf? Eine Buchse mit drei Anschlüssen. Lustig, denke ich mir, irgendwie kenne ich das.

Er schliesst sein Prüfgerät an, hat prima Signal. Schliesst mein Modem an, lässt es sich einwählen, und während es fröhlich und aufgeregt blinkert, stehen wir da, schauen andächtig auf das fleissige Gerät und nippen zwischendurch an der Kaffeetasse. Dann ist Schluss mit Blinkern, alles leuchtet, alles funkt, und das Telefont tutet Bereitschaft. Wunderbar. Noch ein letzter Schluck Kaffee, ein fröhliches Händeschütteln, gute Wünsche für möglichst wenig Verkehr, Ade, schönen Tag auch.

Es gibt Tage, da könnte man denken, so viel anders ist es hier auch nicht.

11
Aug
2008

bitte recht freundlich

Man hat mich ja schon gewarnt, aber was hilft's, am Anfang passieren mir immer solche Sachen. In Hamburg habe ich gleich in der ersten Woche mal schön den Dienstwagen abschleppen lassen. Oder fast, ich konnte den Abschleppmann grad noch anhalten und mein Auto abladen lassen, sonst hätte ich es vermutlich in Helsinki abholen dürfen. In Zürich habe ich das Thema Auto leicht variiert und mich an einer Ampel blitzen lassen. Sie ging einfach aus, die dämliche Ampel, aber das wusste der Blitzapparat nicht. Man darf gespannt sein. Die Kollegen haben anlässlich meiner Klage ob des unerfreulichen Ereignisses gleich abgewunken, geblitzt werden gehört hier einfach zum Autofahren dazu. Aber genauer betrachtet gehört das Autofahren auch nicht wirklich zu Zürich. Fahren ist unmöglich, und parken auch. Und die vielen Blitzkästen zeigen deutlich, dass das Fahren an sich bestraft werden soll, weniger die seltenen Fälle fahrerischen Fehlverhaltens. Das ist ein viel fundamentalerer Akt der Disziplinierung. Ich bin da konsequent, ich lass das Auto erst mal weg. Ich hab ne Monatskarte. Ich darf sie nur nicht zu Hause vergessen.

7
Aug
2008

raus rein

Ist das schon auswandern? Oder muss man sich als Auswanderer explizit entschlossen haben, auszuwandern? Irgendwie bin ich keiner. Eine Art Einwanderer vielleicht, auf eine zurückhaltende Art, mal sehen, wie es ist, wenn es mir gefällt, kommt nach dem Einwandern dann quasi nachträglich das Auswandern.

Aber etwas Finales hatte das schon, da beim Einwohnermeldeamt. Guten Tag, ich möchte mich abmelden. Melden Sie sich wo anders in Deutschland wieder an? Das wäre dann ja eine Ummeldung, aber ich bin höflich. Nein, nicht in Deutschland. Ah ja. Ihren Personalausweis bräuchte ich noch. Für einen Moment habe ich gedacht, hui, wird der jetzt einbehalten? Aber nein, sie wollte nur wissen, ob ich das auch bin, der sich da abmeldet.

War natürlich voll, da im Amt. Aber man arbeitet da jetzt auch ganz zügig. Zumindest bei meiner Abmeldung, ein wenig Klitterklatter auf der Tastatur, zwei wuchtige Hiebe mit Stempeln auf dem Formular, und schon heisst es auf Wiedersehen. Ausschliessen möchte ich das nicht. Aber die Schweiz wird es mir schwer machen.
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